David Foster Wallace

Willkommen in Rails Literaturcafé

Der persische Großwesir Ibn Abad Quaism Ismail Kafi führte im 10. Jahrhundert auf Reisen immer 117 000 Bücher mit sich.
Seine Bibliothek war dem gelehrten Mann so wert und teuer, dass er sie sogar in den Krieg mitnahm.
Transportiert wurde sie von 400 Kamelen, die darauf abgerichtet waren, in alphabetischer Reihenfolge zu gehen.
So musste der Großwesir nicht lange nach einem bestimmten Band suchen.
"Das muss ich in einem meiner frühreren Leben gewesen sein!"

Mittwoch, 20. Januar 2010

Kein Buch




Ich habe “Kein Buch” zum Geburtstag bekommen!

Das trifft sich gut, ich wollte auch “Kein Buch” haben, da ich sowieso kaum Platz habe und mein Stapel der ungelesenen Kostbarkeiten Dimensionen erreicht hat, die kaum zu bewältigen sind. Es ist also ganz in Ordnung, “Kein Buch” bekommen zu haben - und ich bin gar nicht enttäuscht darüber.

Ich bin ein Bücherliebhaber. Ich behandle meine gedruckten Werke, so wie sie es sich verdient haben. Auf Reisen werden sie in einer speziellen Büchertasche aus Leder - in Tücher eingewickelt - mitgenommen. Eselsohren sind ein Fremdwort für mich - zumindest in meinen Büchern. Ich verleihe sie nicht - ich muss sie ewig besitzen und “Kein Buch” der Welt kann mich davon abbringen, auf diese Gewohnheiten zu verzichten.

Ich nehme gerade “Kein Buch” zur Hand. Ich erschaudere - ich werde nervös. “Kein Buch” enthält alles, was ich mit meinen Büchern niemals veranstalten würde. “Kein Buch” veranlasst zum Handeln, nicht zum Lesen.

Es ist die wahr gewordene Realisierung all meiner Alpträume, es beinhaltet Handlungsanweisungen, die mich von meiner Bibliomanie heilen sollen. “Kein Buch” ist schlimmer als dieses.

Ich schlage “Kein Buch” auf und …. es ist grauenvoll:
  • Eine Hand fordert mich auf, die erste Seite als Handtuch zu verwenden.
  • Eine Seite will, dass ich mich eine Stunde auf “Kein Buch” setzen soll.
  • Ein Blatt möchte herausgerissen werden und, in meiner Socke steckend, mit mir spazieren gehen.
  • Eine Markierung zeigt an, wo ich ein Loch in “Kein Buch” brennen soll.
  • Mehrere Seiten wollen mit Essensresten beklebt, mit Knöpfen und Unrat verziert werden.
  • Und schließlich fordert mich ein Satz dazu auf, “Kein Buch” meinem Hund zum Knabbern vorzuwerfen.
86 Aufgaben sind zu bewältigen - 86 schreckliche Dinge zu tun - 86 Mal soll ich alle guten Vorsätze über Bord werfen und “Kein Buch” so behandeln, wie ich es noch nie mit einem Buch getan habe. Für “Kein Buch” gelten keine Verbote, keine Konventionen - es ist ein literarischer Befreiungsschlag für verhaltensauffällige Vielleser. Es kann Therapie und Antisuchtprogramm sein. “Kein Buch” birgt mehr Gefahren als dieses. 

“Kein Buch” ist ein besonderes Geschenk für mich. “Kein Buch” vermag es, so große Distanzen zu überbrücken. “Kein Buch” wird es bei mir besonders gut haben - ich werde die Aufgaben ignorieren, werde es in Seide hüllen, es mit Samthandschuhen anfassen. Ich bin unheilbar - daran kann “Kein Buch” etwas ändern.

“Kein Buch” nimmt so viel Raum in meinem Leseleben ein.

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